Donnerstag, 19. August 2010

Wir leben über unsere Verhältnisse

Diesen offenen Brief sendete ARD-Korrespondent Stephan Ueberbach an die
Bundeskanzlerin, wie diese die neuesten Sparpläne mit dem Kommentar :
"Wir haben jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt" vorstellte.

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Kommentar

Wer lebt denn hier über seine Verhältnisse?
Von Stephan Ueberbach, SWR, ARD-Hauptstadtstudio

Liebe Bundesregierung, sehr geehrte Frau Merkel,
wen meinen Sie eigentlich, wenn Sie sagen, wir hätten jahrelang über unsere Verhältnisse gelebt?
Ich jedenfalls habe das nämlich ganz sicher nicht getan. Ich gebe nur das Geld aus, das ich habe.
Ich zahle Steuern, bin gesetzlich krankenversichert und sorge privat für das Alter vor. Ich habe
mich durch Ihre Abwrackprämie nicht dazu verlocken lassen, einen überflüssigen Neuwagen zu kaufen,
ich bin kein Hotelier und kein Milchbauer. Und "Freibier für alle" habe ich auch noch nie verlangt.

Wer war wirklich maßlos?
Meinen Sie vielleicht die Arbeitslosen und Hartz IV-Bezieher, bei denen jetzt gekürzt werden soll?
Meinen Sie die Zeit- und Leiharbeiter, die nicht wissen, wie lange sie ihren Job noch haben? Oder
meinen Sie die Normalverdiener, denen immer weniger netto vom brutto übrigbleibt? Haben die
etwa alle "über ihre Verhältnisse" gelebt?

Nein, maßlos waren und sind ganz andere: Zum Beispiel die Banken, die erst mit hochriskanten
Geschäften Kasse machen, dann Milliarden in den Sand setzen, sich vom Steuerzahler retten
lassen und nun einfach weiterzocken, als ob nichts gewesen wäre.

Mehr Beispiele gefällig?
Zum Beispiel ein beleidigter Bundespräsident, der es sich leisten kann Knall auf Fall seinen Posten
einfach hinzuwerfen - sein Gehalt läuft ja bis zum Lebensende weiter, Dienstwagen, Büro und
Sekretärin inklusive.
Zum Beispiel die Politik, die unfassbare Schuldenberge aufhäuft und dann in Sonntagsreden über
"Generationengerechtigkeit" schwadroniert. Die von millionenteuren Stadtschlössern träumt und
zulässt, dass es in Schulen und Kindergärten rein regnet. Die in guten Zeiten Geld verpulvert und
in der Krise dann den Gürtel plötzlich enger schnallen will, aber immer nur bei den anderen und nie
bei sich selbst.
Liebe Frau Bundeskanzlerin, nicht die Menschen, sondern der Staat hat dank Ihrer tätigen Mithilfe
möglicherweise über seine Verhältnisse gelebt. Ganz sicher aber wird er unter seinen Möglichkeiten
regiert.

Mit - verhältnismäßig - freundlichen Grüßen,

Ihr Stephan Ueberbach

2 Kommentare:

  1. Kurz und bündig auf den Punkt gebracht, und das englische Understatement mit den "verhältnismäßig" freundlichen Grüßen ist unsagbar gut.

    Dr.Norbert Guggenbichler

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  2. Danke Herr Ueberbach, sie haben sicher nicht nur mir aus dem Herzen gesprochen.
    Gabriele Hanewacker

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